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Rufmord an Hosokawa: Wie die LDP Japan durch den Kakao zieht

Im April 1994 trat Hosokawa Morihiro 細川護煕 als japanischer Ministerpräsident zurück. Einer der wesentlichen Rücktrittsgründe war, daß ihn die liberaldemokratische Opposition im Parlament mit dem Vorwurf konfrontierte, er habe vom Speditionsunternehmen Sagawa Kyūbin Geld angenommen. Hosokawa behauptete, er habe das Geld zurückgezahlt.
Zwanzig Jahre später wärmt die LDP, assistiert von der reaktionären Presse, im Wahlkampf um den Gouverneursposten von Tōkyō diese Geschichte wieder auf.
Die Taktik ist offensichtlich: Da der vorige Gouverneur von Tōkyō wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit zurückgetreten ist, soll Hosokawa in ein ähnliches Licht gestellt und sein Anti-Atom-Wahlkampf damit durchkreuzt werden.
Unerwartete Presseberichte werfen jedoch ein erstaunliches, ja erschreckendes Licht auf die sogenannte Sagawa-Affäre. Shirakawa Katsuhiko 白川勝彦, der seinerzeit für die LDP im Parlament saß und Hosokawa namens seiner Partei am meisten zusetzte, äußerte in Nikkan Gendai 日刊ゲンダイ:

Daß Hosokawa von Sagawa 100 Mio. Yen geliehen hat, ist schon dreißig Jahre her. Warum das jetzt zum Skandal gemacht wird, verstehe ich nicht. Das war damals weder strafrechtlich noch steuerrechtlich ein Problem. Im Parlament wurde es thematisiert, und er ist als Ministerpräsident zurückgetreten. Damit hat er seine moralische Verantwortung erfüllt. Selbst die damalige LDP hat nicht im geringsten daran gedacht, dies strafrechtlich zu verfolgen. Wenn ich als eigentlicher Rädelsführer, der damals die Fragen gestellt hat, dies so sage, kann daran kein Zweifel bestehen. Dies jetzt hervorzukramen und zu einem großen Problem aufzublasen, ist unfair.

Als Hosokawa das Geld von Sagawa lieh, habe er schließlich kein politisches Amt besessen. Daran sei also nicht Verwerfliches gewesen.
Noch deutlicher wurde Murakami Masakuni 村上正邦, ein weiterer ehemaliger LDP-Politiker, der damals im Oberhaus saß und im Haushaltsausschuß die Attacken gegen Hosokawa ritt. In Shūkan Posuto 週刊ポスト gestand er:

Jetzt kann ich es ja sagen, das war ein falsches Spiel (lacht).
Damals waren wir auf der Suche nach Material, mit dem man Hosokawa politisch erledigen konnte. Da erhielten wir die Information, daß Hosokawa, bevor er als Gouverneur von Kumamoto kandidierte, von Sagawa Kyūbin 100 Mio. Yen geliehen hatte.
Damals gab, wie wir wußten, Sagawa Politikern Geld, das offiziell als Leihe bezeichnet wurde, de facto aber nicht zurückgezahlt werden mußte. Deshalb hielten wir dies für geeignet, um das Kabinett zu stürzen. Allerdings hat Hosokawa das geliehene Geld Sagawa tatsächlich vollständig zurückgezahlt. Dafür tauchte auch das Kreditregister auf, das dies bestätigte.
Wie ich gehört habe, standen allerdings in dem Kreditregister Sagawas, das die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte, auch die Namen von Großkopferten der LDP, die ihren Kredit nicht zurückbezahlt hatten. Gerade deshalb konnte die Staatsanwalt dieses Material nicht veröffentlichen.
Als Hosokawa dann als Beweis verschiedene Quittungen vorlegte, haben wir behauptet, es handele sich um Fälschungen. In Wirklichkeit hatte Hosokawa ordentlich zurückgezahlt, während auch die LDP-Seite, welche ihn deshalb bedrängte, von Sagawa Geld angenommen hatte. Es war eine irrwitzige Geschichte.

Ach wie komisch. Es ist ja nicht das erste Mal, daß die LDP ihr Talent für die Komödie beweist und die Bühne von Japans Demokratie in ein Schmierentheater verwandelt. Seit Jahrzehnten, dies wissen wir nun also aus berufenem Munde, macht sie sich über das japanische Wahlvolk lustig.
Und das Wahlvolk?

1932, als die Weimarer Demokratie kurz vor ihrem Ende stand, mahnte Erich Kästner in seinem „Gesang zwischen den Stühlen“:

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!

Am 9. Februar werden wir erfahren, ob sich Tōkyōs Wähler durch den Kakao ziehen lassen. Es ist übrigens ein nationaler Feiertag, der Tag, an dem 1889 die erste japanische Verfassung verkündet wurde. Ein guter Tag für eine solche Wahl? Es riecht nach Weimar 1932.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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