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Too big to ignore: Koizumis Anti-Atom-Bekenntnis stürzt LDP in Verlegenheit

Die wachsende Verärgerung in der Liberaldemokratischen Partei (LDP) über ihren ehemaligen Ministerpräsidenten Koizumi Jun-ichirō 小泉純一郎 hat Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 in einem Fernsehinterview am 24.10. zum Ausdruck gebracht. Auf Koizumis landauf, landab in Interviews und Reden vorgebrachte Ansicht, Japan solle sich von der Kernkraft loslösen und eine „Null-Nuklear-Politik“ anstreben, äußerte Abe, der seine Karriere maßgeblich der Förderung durch Koizumi verdankt: „Zum jetzigen Zeitpunkt Null(-Nuklear) zu versprechen, ist meiner Meinung nach verantwortungslos.“ Befragt, welche Bedeutung die Regierung Koizumis Forderung beimesse, entgegnete er laut Yomiuri Shinbun: „Es handelt sich wohl um eine politische Intuition 勘 Koizumis.“
Das hier gewählte Wort Intuition (kan 勘) läßt sich schwer übersetzen, vor allem in seiner maliziösen Bedeutung, die Abe hier ausspielt. Im Synonymwörterbuch wird es zusammen mit Geistesblitz (hirameki 閃き) und Inspiration (insupirēshon インスピレーション) aufgeführt, deren gemeinsame Bedeutung eine „unvermittelt gefühlte Empfindung“ sei. Kan bedeutet prägnant, daß man etwas wahrnimmt und sofort („aus dem Bauch heraus“) ein Urteil darüber fällt.
Abe insinuiert damit: Koizumi war ein Politiker, der ein Gespür für die Stimmungslage im Volk hatte und sich in seinen Entscheidungen danach gerichtet hatte. Ein langfristiges, auf politische Prinzipien gegründetes Konzept fehle ihm jedoch. Anders gesprochen: Koizumi sei Opportunist, er — Abe — selbst nicht; sondern Abe handele verantwortlich.
Ins selbe Horn stieß ausgerechnet auch Iijima Isao 飯島勲, der Koizumi seit 1972 als rechte Hand durch alle politischen Ämter und Geschehnisse begleitet hatte. Inzwischen ist Iijima einer der wichtigsten Berater der Abe-Regierung. Iijima ist seit spätestens 2001 auch mit Abe eng liiert; gemeinsam hatten sie Koizumi zu einem offiziellen Besuch des umstrittenen Yasukuni-Schreins überreden wollen. Demgegen ist sein Verhältnis zu Koizumi deutlich abgekühlt, seit Koizumi Iijimas 2007 Intimfeind Fukuda Yasuo 福田康夫 unterstützte — gegen Abe Shinzō und dessen Intimus und gegenwärtigen Wirtschaftsminister Asō Tarō 麻生太郎. Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, daß Iijima in einem Aufsatz in der rechtsgerichteten Zeitschrift Shūkan Bunshun 週刊文春 am 17.10. behauptete, Koizumi habe noch nie eine eigene originelle Idee gehabt. Seine Vorstellung, Japan könne auf Atomenergie verzichten, sei völlig unrealistisch. Koizumis Argument, es sei nicht gelungen, die Endlagerung von Atommüll zu klären, zeige doch nur, daß Koizumi als Politiker gescheitert sei — schließlich sei es doch Aufgabe der Politiker, im In- und Ausland nach geeigneten Lagerstätten zu suchen!
Aha. Daher also die vielen Staatsbesuche (Iijima selbst war in Abes Auftrag gerade in Korea) …
… die in den vergangenen Jahren offenbar ebensowenig von Erfolg gekrönt waren wie die Exkursionen von LDP-Politikern zum Yasukuni-Schrein, dessen Umwandlung in ein atomares Endlager in China und Korea auf gewisse Akzeptanz stoßen könnte.
Scherz beiseite. Daß sich die LDP so von einem ihrer gewesenen Spitzenpolitiker distanziert, ist selten. Die meisten Alt-Politiker (Koizumi sitzt ja nicht einmal mehr im Parlament) halten sich mit politischen Äußerungen auch fein zurück. Koizumi schwingt sich dagegen jetzt zum Führer einer außerparlamentarischen Opposition auf, und genau das macht der LDP Angst.
Schließlich hat Koizumi auch einen Sohn, der populärer LDP-Politiker ist und als Minister für den Wiederaufbau im Kabinett Abe sitzt. Die Angst davor, daß der 32-jährige Koizumi Shinjirō 小泉進次郎 genau die Politik verfolgen könnte, die sein Vater nun fordert, aber mehr noch: daß Koizumi Junior es schafft, das atomfreundliche Establishment der LDP aus seinen Ämtern zu jagen, greift — so sieht es jedenfalls Philip Brasor in der Japan Times — um sich.

Noch eine Protokollnotiz: Ausländische Journalisten in Japan jammern gern darüber, sie seien durch die Praxis der sogenannten Presseclubs in ihrer Berichterstattung behindert, weil ihnen wesentliche Informationen vorenthalten würden. Nach meinem Eindruck ist diese Jammerei witzlos. Viel wichtiger wäre es für die ausländischen Journalisten, sie wüßten über die unglaublichen Verästelungen persönlicher Netzwerke und Beziehungsverhältnisse zwischen den Angehörigen der japanischen Eliten Bescheid. Dann wüßten sie nämlich auch in den meisten Fällen, warum die Akteure so und nicht anders handeln und wer bzw. wessen Interessen dahinterstecken. Aus europäischer Sicht mutet dies wie ein antiquiertes Konzept von Journalismus an. Mag sein, daß es in Europa anders läuft. In Japan aber sind solche Kenntnisse unverzichtbar. Den größten Teil davon kann man übrigens auch ohne Presseklubs erlernen. Man muß nur fleißig sein.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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