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Abe: „Essen aus Fukushima ist sicher“

Auf einer Propagandatour durch die Präfektur Fukushima hat Japans Ministerpräsident Abe Shinzō versprochen, gegen Rufschädigung (fūhyō higai 風評儀害) an der Land- und Seewirtschaft Fukushimas ankämpfen zu wollen. Wörtlich sagte Abe am 19. Oktober 2013 in der Stadt Sōma 相馬, er besitze „exakte Informationen, daß Meeres- und Agrarprodukte aus Fukushima sicher sind“.
Ob die Sache so einfach ist, wie er es gern hätte?
Nach wie vor gibt es Skepsis, und zwar nicht nur in Japan. Der Bayerische Rundfunk, nicht gerade als Sprachrohr von Greenpeace bekannt, z.B. veröffentlichte am 4.3.2013 einen Beitrag unter der Überschrift: „Zwei Jahre Fukushima: Wie stark sind Lebensmittel aus Japan belastet?“ Ein paar aus Japan importierte Lebensmittel — Grünen Tee, Reis, Miso, Soja, Seetang und getrocknete Algen — ließ der Sender vom Umweltinstitut München untersuchen und fand de facto: so gut wie nichts. Die Werte für japanischen Tee betrugen 1,1 Cs-137 Bq/kg und für Reis 0,16 Cs-137 Bq/kg. Bei den anderen Lebensmitteln waren gar nur „Spuren“ oder gar nichts nachweisbar.
Also Entwarnung? So schnell lassen deutsche Medien nicht locker. Der Artikel kommt trotz der offensichtlich nicht bestehenden Gefahr für deutsche Konsumenten zu einem alarmistischen Fazit. Statt deutlich zu sagen, daß japanische Lebensmittel, die in Deutschland vertrieben werden, bedenkenlos gegessen werden können, heißt es nämlich nur:

Man muss deswegen aber nicht ganz auf japanisches Essen verzichten. Ein Blick auf das Etikett zeigt, dass japanische Firmen ihre Produkte manchmal in Europa oder Amerika herstellen. Auch bei Lebensmitteln, auf denen „Hergestellt in Japan“ steht, stammen die Rohstoffe nicht immer aus Japan, sondern auch China, Korea oder Thailand.

Das beruhigt mich ja kolosossal, denn mein Vertrauen in die Sicherheit chinesischer Lebensmittel ist geradezu unermeßlich …
Aber Scherz beiseite. Die Frage ist ernst, und sie wird z.B. auch von koreanischen und US-amerikanischen Verbrauchern gestellt. Mit mehr Recht, denn diese essen mehr Fisch als die Deutschen. Deshalb interessiert ein Artikel auf der Homepage des Natural Resources Defense Council vom 24. September 2013. Der NRDC ist eine absolut seriöse, unabhängige Organisation, die weiß, was sie tut und wovon sie spricht. Dr. Thomas B. Cochran gibt darin eine Einschätzung der Gefährdung amerikanischer und implizit auch japanischer Fischkonsumenten ab.
Ausgangspunkt ist die Frage, wieviel Cäsium-137 man aufnehmen darf, ohne sein individuelles Krebsrisiko zu erhöhen. Cochran sagt: Die Wissenschaft nimmt an, daß je aufgenommenes Bq Cs-137 1×10-9 = 0,000.000.009 Krebsfälle zusätzlich in den USA auftreten. D.h., bei Aufnahme von 10.000 Bq wird es auf 100.000 Einwohner einen zusätzlichen Krebsfall geben. (Bei 10 Mio. Bq wäre jeder 100. Einwohner = 1 Prozent der Bevölkerung betroffen. Im Augenblick erkranken 40 % der US-Amerikaner irgendwann an Krebs.)
Nehmen wir 10.000 Bq als noch vertretbare Grenze, könnte also jeder Deutsche in seinem Leben z.B. nahezu 10 Tonnen Grünen Tee — wohlgemerkt: als Blätter, nicht als Aufguß — unbesorgt zu sich nehmen.
Aber Cochran geht es um Fisch. Ausgehend von den aktuell in japanischen Gewässern gemessenen Werten und der Annahme, daß sich Cäsium-137 in Fisch maximal 100 Mal stärker konzentriert als im Meerwasser, kommt er zu folgenden Ergebnissen:
— 1 kg Fischfang vor dem Atomkraftwerk Fukushima I, wo im Juli 2013 Werte von bis zu 150.000 Bq/l Wasser gemessen wurden, enthält ca. 15.000 Bq. Wer davon in seinem ganzen Leben mehr als 0,7 kg verzehrt, erhöht also sein Krebsrisiko.
— An diesen Werten wird sich so schnell nichts ändern, denn gegenüber der Freisetzung von Radioaktivität im März 2011 ist der anhaltende Austritt von Radioaktivität durch das Kühl- und Grundwasser im Umkreis des Reaktors eine zu vernachlässigende Größe. Aus der Sicht der Lebensmittelsicherheit bedeutet das, was im Moment noch austritt, also keine zusätzliche Gefahr.
— Über die Ozeane verteilt sich die Radioaktivität jedoch so stark, daß sie für Verbraucher in Übersee faktisch überhaupt kein Gesundheitsproblem darstellt.
Ich füge hinzu: In weiten Teilen Japans natürlich auch nicht. Aber wer unbedingt vor Fukushima-I angeln will, bitte sehr. Alle anderen dürfen entspannen.
Nur Abe Shinzō sollte nicht entspannen. Denn ob seine Informationen, was die Lebensmittel — zumindest die Meeresprodukte — aus der Bucht von Fukushima angeht, sollte er seine sich vielleicht doch noch einmal „präzisere Informationen“ beschaffen, bevor er das nächste Fischgericht bestellt.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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