Am 26. Januar 2001 fiel kurz nach 19 Uhr auf dem Bahnhof Shin-Ōkubo 新大久保 der Yamanote-S-Bahnlinie in Tōkyō ein betrunkener Mann vom Bahnsteig auf die Gleise. Zwei andere Männer wollten ihn retten und sprangen ihm nach: der 47-jährige japanische Kameramann Sekine Shirō und der 26-jährige südkoreanische Austauschstudent Yi Su-Hyŏn 李秀賢. Es war vergeblich; ein Zug rollte ein, alle drei Männer starben.
Dieses tragische Ereignis wurde alsbald von den japanischen Medien und Autoritäten als Symbol für die Qualität der japanisch-koreanischen Beziehungen entdeckt. Japans Ministerpräsident Mori Yoshirō 森喜朗 ehrte die beiden Helfer als mutig und uneigennützig und nahm an der Beisetzung des jungen Koreaners teil. Am 29. Januar schrieb er an den südkoreanischen Präsidenten Kim Dä-Jung 金大中 einen Kondolenzbrief, in dem er davon sprach, Yi sei „ein Mittler für die Freundschaft zwischen unserem und Ihrem Land geworden“ (我が国と貴国の友情の架け橋となった). Für die beiden Helfer wurde auch eine ehrende Inschrift im Bahnhof aufgehängt.
Es ist also durchaus verständlich, daß ein japanischer Wikipedia-Artikel davon spricht, dieses Ereignis sei fürs „Schönreden“ (美談) der japanisch-koreanischen Beziehungen instrumentalisiert worden.
Die Bahngesellschaft JR East zog einige Konsequenzen aus dem Geschehen. So fahren die S-Bahnen seither langsamer in die Bahnhöfe ein, und auf allen Bahnsteigen wurden Notfall-Knöpfe für solche Unfälle installiert. Außerdem wurde der Alkoholausschank auf den Bahnsteigen eingeschränkt. Zudem begann man damit, an den Bahnsteigkanten Schutzschranken zu errichten. Nach 12 Jahren gibt es eine solche Schranke auch am damaligen Ort des Geschehens. Die Eltern von Yi Su-Hyŏn lud man deshalb nochmals nach Shin-Ōkubo ein. Der Bahnhofsvorsteher entschuldigte sich, daß es mit der Einrichtung der Schranke so lange gedauert habe, und die Eltern legten Blumen vor der Ehrentafel ab. Der Vater äußerte, er sei froh, daß mit solchen Vorrichtungen weitere Opfer verhindert werden könnten.
Den unterschwelligen Kontext dieses Unfalls erwähnen die Medien in ihren Berichten über dieses tragische Ereignis übrigens lieber nicht: Shin-Ōkubo ist als das „Koreaner-Viertel“ Tōkyōs bekannt. In den letzten Monaten häuften sich fremdenfeindliche, insbesondere gegen die dort lebenden „Japan-Koreaner“ (Zainichi) gerichtete Vorfälle. Da kommt ein symbolischer Akt des Gedenkens an einen Akt der interkulturellen Mitmenschlichkeit gerade recht. Schöner wäre freilich, man müßte nicht erst sein Leben opfern, um zum Mittler zwischen zwei Völkern zu werden.