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Vom Ich zum Wir: Griechisch, Deutsch, Japanisch

Der Tagesspiegel hat kürzlich ein Interview mit der Leiterin des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Brigitte Thies-Böttcher, veröffentlicht. Die Schule feiert demnächst den 50. Jahrestag der Zusammenlegung von Evangelischem Gymnasium und Gymnasium zum Grauen Kloster, das immerhin Berlins ältestes Gymnasium war. Frau Thies-Böttcher verteidigt mit guten Argumenten die an dieser Privatschule weiterhin gepflegte humanistische Bildung — und das heißt insbesondere: die Sprachenfolge, die mit Latein beginnt und Altgriechisch einschließt. Die Schulleiterin gibt zu, selbst nie Griechisch gelernt zu haben, berichtet allerdings, daß viele ihrer Schüler die Sprache „viel schöner als Latein“ finden.
Ich habe Griechisch erst und nur sehr oberflächlich während meines Lateinstudiums gelernt, weshalb es mir zu fremd geblieben ist, als daß ich ein ästhetisches Urteil wagen würde. Eines kann ich allerdings darüber sagen: in der jahrhundertelangen Praxis des öffentlichen Redens und Schauspielens hat die griechische Sprache in der Antike offenbar eine rhetorische Qualität gewonnen, die ihresgleichen sucht. Griechisch hat durchaus einige grammatische Tücken (es ist ja einen Tick archaischer noch als das Lateinische), aber selbst mit beschränkten stilistischen Mitteln läßt es sich leicht zu dramatischen Effekten konstruieren. Im Grunde ist die griechische Rhetorik (ganz abgesehen von der Semantik) zur Schule der abendländischen Rede geworden, deren Studium gerade jungen Leuten, die in dieser (oder einer vergleichbaren) kommunikationsfixierten Gesellschaft etwas werden wollen, nur ans Herz gelegt werden kann.
Hier ein einfaches Beispiel aus dem Brief des Paulus an die Römer (8:38-39):

GriechischDeutschJapanisch
πέπεισμαι γὰρ ὅτιIch bin nämlich überzeugt, daßわれ確く信ず、
Pépeismai gàr hóti
οὔτε θάνατος οὔτε ζωὴweder Tod noch Leben,死も生命も、
oúte thánatos oúte zōḕ
οὔτε ἄγγελοι οὔτε ἀρχαὶweder Engel noch Beamte,御使も、権威ある者も、
oúte ángeloi oúte archaì
οὔτε ἐνεστῶτα οὔτε μέλλονταweder Anstehendes noch Bevorstehendes,今ある者も後あらん者も、
oúte enestōta oúte méllonta
οὔτε δυνάμειςnoch Gewalten,力ある者も、
oúte dynámeis,
οὔτε ὕψωμα οὔτε βάθοςweder Höhe noch Tiefe,高きも、深きも、
oúte hýpsōma oúte báthos
οὔτε τις κτίσις ἑτέραnoch ein anderes Geschöpf此の他の造られたるものも、
oúte tis ktísis hetéra
δυνήσεται ἡμᾶς χωρίσαιuns trennen können wird我らの主キリスト・イエスにある
dynḗsetai hēmas chōrisai
ἀπὸ τῆς ἀγάπης τοῦ θεοῦvon der Liebe Gottes神の愛より、
apò tēs agápēs tou theou
τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν.in Christus Jesus, unserem Herrn.我らを離れしむるを得ざることを。
tēs en Christō Iesou tō kyríō hēmōn.

Im Deutschen kann man diesen rhetorisch im Grunde sehr einfach gestrickten, aber überaus wirkungsvollen Satz (Einleitung — sich steigernde Aufzählung von Dichotomien — Pointe) gut nachahmen:

Denn ich bin gewis / Das weder Tod noch Leben / weder Engel noch Fürstenthum / noch gewalt / weder gegenwertiges noch zukünfftiges / weder hohes noch tieffes noch keine andere Creatur / mag vns scheiden von der liebe Gottes / die in Christo Jhesu ist vnserm HErrn. (Martin Luther 1545)

In der japanischen Version, die in der dritten Spalte zu finden ist, hat man sich um größtmögliche Annäherung bemüht. Dennoch verpufft ein Gutteil der Wirkung zwangsläufig wegen der im Griechischen so simplen Möglichkeit, das Wesentliche durch eine nachgestelle Apposition an den Schluß zu stellen: Im Japanischen muß die Apposition vor ihrem Bezug stehen, d.h., die Pointe wird vorweggenommen. Nur mit großem Risiko des Nichtverstandenwerdens ist auch im Japanischen möglich, die hier eingesetzt wird: das Objekt der Hauptaussage ans Ende zu stellen. Umgangssprachlich würde das niemand verstehen.
Ganz anders der griechische Text. Paulus führt den Hörer und Leser mit einfachsten Mitteln auf das Ziel hin, zu dem er will — und das sind die letzten. Um das im Deutschen genau wiederzugeben, müßte man eigentlich sogar schreiben: „dem Herrn von uns.“ Denn Paulus beginnt seinen Satz mit einem Verb in der ersten Person Singular und beendet ihn mit dem Pronomen der ersten Person Plural. Das ist Rhetorik: Vom Ich zum Wir.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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