Anfang August erzählte mir meine japanische Schwiegermutter — eine pensionierte Mittelschullehrerin –, daß sie für ihre Enkeltochter ein Exemplar des auch in deutscher Übersetzung erschienenen Anti-Kriegs-Manga „Barfuß durch Hiroshima“ (Hadashi no Gen はだしのゲン) von Nakazawa Keiji 中沢啓治 aus der Stadtbücherei ausleihen wollte. Die Bücherei teilte ihr allerdings mit, sie sammle grundsätzlich keine Manga.
Meine Schwägerin, die Grundschullehrerin ist, meinte daraufhin, der Manga stehe ohnehin in ihrer Schulbibliothek. Und tatsächlich gehört er seit langem zu den Werken, die als Teil der an japanischen Schulen üblichen Friedenserziehung betrachtet und vorgehalten werden.

Bis jetzt jedenfalls. Denn das Sekretariat des Erziehungsausschusses der Stadt Matsue (Präf. Shimane) hat seine Grund- und Mittelschulen aufgefordert, den Manga nicht mehr frei zugänglich zu machen — wegen der darin enthaltenen „Gewaltszenen“. Vor einem Jahr hatten rechtsradikale Bürger den Ausschuß aufgefordert, das Werk wegen „Geschichtsverfälschung“ aus dem Verkehr zu ziehen. Dieser Argumentation schloß man sich nicht an, bezog sich jedoch auf die (bislang von keiner Seite kritisierte) Darstellung von Köpfungs- und Vergewaltigungsszenen.
Von den 49 Grund- und Mittelschulen in Matsue halten 43 das Werk in ihrer Bibliothek. 41 davon haben jetzt weisungsgemäß das Werk aus dem Freihandbereich genommen. 24 Schulleiter halten das Verbot jedoch für überflüssig oder fordern seine Überprüfung.
Am 26. August will der Erziehungsausschuß erneut über den Fall beraten. Hoffentlich kommt er zu einem Ergebnis, das der japanischen Demokratie und der japanischen Tradition der Friedenserziehung nach 1945 gerecht wird. Und das kann nur heißen: Freier Zugang zu diesem Werk!