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Japan und Korea: Die Abwärtsspirale dreht sich weiter

Eine Verbesserung der japanisch-koreanischen Beziehungen ist nach wie vor nicht in Sicht. Genauer gesagt: Es wird immer schlimmer. Seit Februar 2013 agiert eine rechtsradikale sogenannte „Bürgerbewegung gegen die Privilegien der in Japan lebenden Koreaner“ (Zaitokukai 在特会) mit allen Mitteln gegen die koreanische Minderheit. So zog eine Gruppe mit Megaphonen vor eine Grundschule der (staatenlosen, also nicht südkoreanischen) Koreaner in Ōsaka, störte den Unterricht und forderte die Kinder lautstark auf, nach Nordkorea „zurückzukehren“ (keines von ihnen dürfte bisher jemals in Nordkorea gewesen sein). Bei anderen Gelegenheiten wurde den Koreanern buchstächlich mit Mord und Totschlag gedroht.
Dagegen wehrt sich eine Gruppe oppositioneller Parlamentarier, die am 14. zu einer Informationsveranstaltung gegen rassistische Demonstrationen einluden. Die Presse berichtete hierüber mit keinem Wort. (Von der LDP nahm natürlich niemand teil.)
Die dummdreisten Pöbelaktionen der Rechten gehen allerdings selbst notorischen Rechtsauslegern zu weit; der Mangazeichner Kobayashi Yoshinori 小林よしのり distanzierte sich von ihnen in seinem jüngsten Werk und wies den Vorwurf zurück, mit seinen eigenen Manga zur Entstehung der „Internet-Rechtsradikalen“ (netto uyo ネットウヨ) beigetragen zu haben.
Übel vermerkt wurde in Japan, daß die VR China und Südkorea am 11. März den Feierlichkeiten für die Opfer des Tsunamis von 2011 fernblieben. Angesichts der Unfreundlichkeiten, denen sich Koreaner im Moment in Japan gegenübersehen, ist das nicht nicht ganz unverständlich, aber dennoch ein ziemlich grober Keil auf einen groben Klotz.
Umgekehrt erregt sich Japan über einen dreisten Kunstdiebstahl. Nationalistische Koreaner haben aus einem Tempel auf der Insel Tsushima eine Kannon-Statue 観音 gestohlen und einem Tempel in Korea übergeben. Angeblich gehöre die Statue ursprünglich dorthin. Der Tempel weigert sich, die Statue nach Tsushima zurückzugeben. Am 14. reiste ein koreanischer Tempelpriester eigens nach Tsushima — nicht etwa, um die Statue zurückzubringen, sondern um Trost zu spenden. (Wir erinnern uns: Kannon ist der Bodhisattva der Barmherzigkeit.) Sein japanischer Amtsbruder lehnte es allerdings ab, sich mit ihm zu treffen.
Damit wird der durchaus ernstgemeinte koreanische Vorschlag gefährdet, 2015 zur 50-Jahr-Feier des japanisch-südkoreanischen Freundschaftsvertrages von 1965 zwei Buddhastatuen gemeinsam auszustellen, die für beide Länder besondere Bedeutung haben: es handelt sich um den koreanischen Nationalkulturschatz Nr. 1, eine vergoldete Statue des Buddha Maitreya, die einen geradezu zwillingshaften Doppelgänger im Hōryūji-Tempel 法隆寺 in Nara besitzt. Freilich ist der Hōryūji bislang noch nie dazu bereit gewesen, die Statue für eine Ausstellung herzugeben. Dem Vernehmen nach wäre die koreanische Seite sogar bereit, ihren eigenen Kulturschatz in Japan auszustellen. Aber dafür werden wohl auf beiden Seiten noch viele intensive Gebete nötig sein.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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