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Ijime in Holland und die Verantwortung der Medien

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 6.11. von der Selbsttötung eines 20jährigen Niederländers, der — ohne daß seine Eltern oder Lehrer etwas davon bemerkten — jahrelang Opfer von Mobbing gewesen war. Solche Fälle (auch von sehr viel jüngeren Kindern und Jugendlichen) sind aus Japan leider seit langem wohlbekannt. In japanischen Medien wird anschließend darüber oft wochenlang ausführlich berichtet; natürlich in der Absicht, das auslösende Mobbing (Ijime) und dessen Ignorierung oder Leugnung durch die Verantwortlichen (Mitschüler, Lehrer, Polizei) anzuprangern. Gleichzeitig nutzen auch Eltern und Verwandte die Medienöffentlichkeit, um an die Leiden ihrer Kinder zu erinnern, um Reformen einzufordern oder auch um Schadenersatz zu verlangen.
All dies ist verständlich. Doch die Süddeutsche Zeitung hat ihrer kurz gehaltenen Meldung auch noch eine Nachbemerkung beigefügt, die zu denken gibt:

Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Suizide zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung in diesem Fall gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Diese Besorgnis vor dem Nachahmungseffekt kontrastiert mit der oft sehr grellen, auch nicht vor der Privatsphäre der betroffenen Familien von Opfern und Täten zurückschreckenden Berichterstattung in japanischen Medien. Daß es einen solchen Nachahmungseffekt auch bei Kindern und Jugendlichen gibt, ist unbestreitbar. Dirk Varbelow (Aggressionen im Kindes- und Jugendalter, Tectum Verlag 2000, S. 183) führt dazu aus:

Begeht ein Schauspieler, Sänger oder eine andere Person von öffentlichem Interesse einen Suizid, wächst die Zahl der Nachahmer in kurzer Zeit rapide an. Selbst Filme im Fernsehen, in denen der Suizid eine scheinbare Lösung aller Probleme ausdrückt, vermögen die Suizidrate kurzfristig ansteigen zu lassen. Steinhausen umschreibt den Nachahmungseffekt als eine Art Modellernen, welches durch die Medien vom Kind aufgenommen und umgesetzt wird. Oerter/Montada weiten das Feld des Modellernens noch dahingehend aus, als dass ein Nachahmungseffekt auch entsteht, wenn im Familien- oder Bekanntenkreis ein Suizid begangen wurde. Sie merken an, Modelle werden nich einfach nachgeahmt, sie bilden aber einen Pool an Wissen von suizidalen Möglichkeiten einschließlich der zu verwendenden Mittel.

Medien sind demnach gerade für junge Menschen ohne große Lebenserfahrung Lehrmeister. Die hohe Publizität, die solche Fälle in Japan regelmäßig erhalten, trägt also bei allen guten Nebenabsichten offensichtlich dazu bei, daß die Zahl der Selbstmorde von Jugendlichen und Kindern in Japan so erstaunlich hoch liegt. Mir ist nicht bekannt, daß es hierüber in Japan einen öffentlichen Diskurs gibt. Dem Kindeswohl dürfte es allerdings dienen, wenn sich japanische Medien hier an ein Maß von Diskretion gewöhnen würden, das sie auf anderen Feldern so gern und nachhaltig beweisen.

Hier die Statistik der Selbstmordraten in Japan seit 1950:

Jahr5-9-Jährige10-14-Jährige15-19-Jährige5-19-JährigeSelbstmordrate
5-19-Jährige
Gesamtbevölkerung
5-19-Jährige
195002131013124,9026790250
1955388273528269,6929175928
1960162221722807,7229530711
19650468068523,0627884587
19700557027573,0424897682
19751887688573,4324992396
19802535996542,4127082572
19854814535381,9627382100
19900473814281,6525900277
19950664234892,1822409742
20000744735472,7519925096
20051445115563,0218413828
20081585075663,1917745000
20090554575122,9217542000
20100634515142,9417462882

(Quelle)

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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