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Mehrheit der Japaner befürwortet „ein bißchen“ Kernenergie

Nachdem Japans Regierung angekündigt hat, öffentlich diskutieren zu lassen, ob Japans Energieversorgung in Zukunft (im Jahr 2030) zu 0, 15 oder 25 % aus Atomkraftwerken stammen solle, richtet sich auch die Meinungsforschung auf diese Niveaus ein. Die jüngste Umfrage des Staatsrundfunks NHK bringt zutage, daß 34 % der Befragten für 0%, 40 % für 10-15 % und 12 % für 20-25 % plädieren. Gleichzeitig sind 52 % „kaum“ oder „gar nicht“ mit dem Wiederanfahren des AKW Ōi einverstanden, das seit heute wieder unter Vollast betrieben wird.
Hierbei zeigt sich die nicht nur in Japan zu beobachtende Strategie, bei Entscheidungen zwischen Extremen den scheinbar goldenen Mittelweg einzuschlagen (auch die DJP-Regierung spricht sich für 15 % aus). „Ein bißchen Kernkraft“ scheint also für die Mehrheit akzeptabel zu sein.
Daß ein Jahr nach Fukushima von einer stabilen Ablehnung der Kernkraft nicht die Rede sein kann, läßt sich auch aus den vorangegangenen NHK-Umfragen herauslesen. Die Meinungslage in der Bevölkerung ist seit Monaten im Prinzip unverändert — eben „ein bißchen Kernkraft“.

Den Anteil der Atomenergie soll man ...2011/062011/082011/102012/022012/042012/06
Ausbauen322222
Unverändert lassen243123272127
Verringern455142514351
Völlig abschaffen211124202820

Nachbemerkung: Die deutsche Presse suggeriert beständig ein anderes Bild der Meinungslage in Japan; vermutlich, um den Deutschen Mut zu machen. Mit Verweis auf ganz ähnliche Umfragewerte der Tokyo Shinbun behauptete SPIEGEL online am 19.3.2012: „Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima kippt die Haltung der Japaner zur Nutzung der Kernenergie.“ Auch „Die Welt“ glaubt am 5.6.2012: „Immer mehr Japaner lehnen die Atomkraft ab.“ Die Neue Osnabrücker Zeitung meldet am 17.6.2012, daß „immer mehr Japaner laut Umfragen Atomkraft ablehnen“. Realistischer klingt die FAZ vom selben Tag mit der Aussage: „In der Bevölkerung sind die Bedenken gegen Atomkraft Umfragen zufolge aber noch sehr stark.“ Am 2.3. hatte derselbe Autor dort noch mehr Optimismus gezeigt: „schließlich zeigen neueste Umfragen, dass 70 Prozent der Japaner ohne Atomkraft leben wollen.“
Die Umfragenserien legen einen anderen Schluß nahe: Es gibt keine grundsätzlichen Veränderungen im Meinungsbild. Es gibt keine Mehrheit für den Ausstieg.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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