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Feigling Ozawa: Verhalten in Fukushima-Krise Sargnagel für Politiker-Karriere

Die Wochenzeitschrift Shūkan Bunshun 週刊文春 hat in ihrer neuesten Ausgabe einen Brief veröffentlicht und kommentiert, der das Ende der politischen Karriere des DJP-Politikers Ozawa Ichirō 小沢一郎 besiegeln dürfte. Der elfseitige, handschriftliche Brief wurde laut der Redaktion im November 2011 von seiner Frau Kazuko an einen Parteigänger Ozawas gerichtet. Die Politikergattin teilt darin mit, daß sie sich von ihrem Mann geschieden habe — wegen unerträglicher Feigheit während der Nuklear-Krise von Fukushima. Statt sich um sein Wahlvolk in der Präfektur Iwate zu kümmern, sei er aus Furcht vor Radioaktivität mit seinen Sekretären von dort geflohen.
Am Morgen des 16. März 2011 habe sie der leitende Sekretär Ozawas aufgesucht und gesagt: „Weil wir interne Informationen über die Radioaktivität erhalten haben, habe die Sekretäre auf Befehl des Meisters (Ozawa) fliehen lassen. Auch meine Familie ist bereits nach Ōsaka geflohen … Weil auch der Meister fliehen wird, überlegen Sie sich bitte, wohin Sie und Ihre Kinder fliehen wollen.“
Seine Frau war darüber nicht amüsiert:
Sie habe sich geweigert zu fliehen, woraufhin sich ihr Mann sich zuhause eingeschlossen und das Haus nicht mehr verlassen habe, bis er schließlich am 25. März wahrscheinlich nach Kyōto geflohen sei.
„In dieser nie dagewesenen Katastrophe wäre es die Pflicht eines Politikers, an vorderster Front zu stehen. Tatsächlich hatte Ozawa Angst vor der radioaktiven Strahlung und ist mit seinem Sekretär geflohen. Als ich gesehen habe, daß Ozawa die Leute in Iwate, denen er lange Jahre lang so viel verdankt hat, in ihrer schwersten Stunde im Stich gelassen hat, ist mir klar geworden, daß er niemand ist, der sich für Iwate oder Japan einsetzt, und ich habe mich scheiden lassen.“
Ozawa galt bislang als mächtigster Kulissenschieber innerhalb der Demokratischen Partei. Er verfügt über eine große Anhängerschaft unter deren Parlamentsabgeordneten. An seinem Widerstand sind verschiedene Reformvorhaben der Regierung gescheitert — immer wieder drohte er mit einer Spaltung der Partei. Noch in den letzten Tagen warnte er, die von seinem Parteifreund Ministerpräsident Noda verfolgte Erhöhung der Mehrwertsteuer sei selbstmörderisch. Nun aber scheint es, als sei den Spätfolgen von Fukushima erlegen: Es ist schwer vorstellbar, daß die Bürger seines Wahlkreises oder die „Freunde“ seiner eigenen Partei ihm seine Feigheit verzeihen werden. Als Politiker und Mann dürfte er erledigt sein.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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