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Radioaktivität in Tokio knapp unter Evakuierungsgrenze

So lautete die Schlagzeile der Berner Tageszeitung „Der Bund“ vom 13.10.2011. Unter der Rubrik „Japan im Ausnahmezustand“. Wer den Artikel las, konnte feststellen, daß es um einen sogenannten Hotspot ging, an dem unterhalb eines leerstehenden Gebäudes eine Flasche mit einer hoch strahlenden radioaktiven Substanz gefunden wurde. Jedenfalls stand das so in der „Süddeutschen Zeitung“ vom selben Tag, auf die sich der „Bund“ bezog. Die Überschrift des Artikels von Christoph Neidhart war auch nicht gerade zurückhaltend: „Rätselhafte Strahlung in Tokio“. All dies hatte natürlich überhaupt keinen Bezug zu Fukushima, wie Neidhard auch ausdrücklich feststellte. (Na ja, bei ihm heißt es nicht natürlich, sondern offenbar, und der kritische Leser weiß natürlich, daß der kritische Journalist sich damit offenbar ein Hintertürchen offen läßt. Das sind die insinuierten Zusammenhänge, die sich in der Form eines vorgetäuschten Dementis so perfide ins Unterbewußtsein einschleichen.)
Aber den durchschnittlichen Leser interessieren ohnehin keine Zusammenhänge. Der durchschnittliche Leser liest nur die Schlagzeile und bildet sich daraus seine Meinung. Das beweisen die Leserkommentare zu beiden Artikeln. So funktioniert der öffentliche Diskurs.
Und so funktioniert Twitter. Und so funktioniert Facebook. Die Aufnahmefähigkeit eines durchschnittlichen Zeitungsleserhirns im 21. Jahrhundert scheint auf 140 Bytes begrenzt zu sein. Alles, was danach kommt, wird ignoriert — selbst wenn es das Gegenteil davon ist, was in der Überschrift steht.
Es gab einen Zeitungsmacher, der das eher verstanden hat als alle anderen. Er hieß Axel Cäsar Springer. Um seine Einsicht umzusetzen, gründete er eine Zeitung, deren Titel nur aus vier Buchstaben besteht. Er wußte, daß alles andere bereits zu intellektueller Überforderung von Lesern führen kann.
In den USA kann man im Alltag bereits beobachten, wie Kommunikation mittels 4-letter-words funktioniert: „stop dont walk“ usw. Ganz so weit haben es die Medien bei uns noch nicht gebracht. NOCH NICT GANZ. ABER BALD.
Eine Tageszeitung, die nur aus Schlagzeilen besteht. Das wäre doch einmal eine Geschäftsidee.

Für die Irreführung durch die Schlagzeile dieses Eintrages bitte ich um Entschuldigung. Die Radioaktivität in Tokyo liegt natürlich nicht knapp unter der Evakuierungsgrenze. Wer mehr über die aktuellen Meßwerte wissen will, schaue hier nach.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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