Artikelformat

Porno statt Konfuzius

Der englischen „Chosun Ilbo“ war die Entdeckung eines Professors an der von Samsung gesponserten Sungkyunkwan-Universität in Seoul eine Meldung unter der Rubrik „National/Politics“ wert: Eine pornographische Liebesgeschichte aus dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert, also der Chosën-Zeit.
Ein 61jähriger yangban verliebt sich in eine 18jährige kisäng (so etwas wie eine Geisha in Japan), verspielt sie aber an einen anderen Mann. Die Mutter der kisäng verführt den neuen Besitzer der jungen Frau und erreicht, daß er sie an ihren alten Liebhaber zurücksendet … Sex spielt in dem 124 Manuskriptseiten langen, auf Chinesisch geschriebenen Dialogstück Buksanggi 北廂記 (chin. eigentlich Beishiangji, jap. Hokushōki, „Aufzeichnungen aus dem Nord-Korridor“) die Hauptrolle. Derbe Anspielungen („Mit einem Pfeil an der Sehne bleibt mir nichts übrig als abzuschießen“) und detaillierte Beschreibungen diverser sexueller Praktiken versteht Professor An Dähö, der Entdecker, als Ausdruck für das wachsende Interesse der koreanischen Bevölkerung seit dem 18. Jahrhundert an einem Ausbrechen aus konfuzianischen Moralvorstellungen.
Das ist übrigens zeitlich und inhaltlich parallel zu Trends im frühmodernen Japan. Auch dort spielen pornographische Schriften und Bilder eine wichtige Rolle bei der sexuellen Aufklärung (Befreiung?) der Bevölkerung zunächst der Städte, immer mehr dann aber auch des Landes.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

Drucken / Print / 印刷

Kommentare sind geschlossen.