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Der Mann mit dem Finger: Undercover im AKW Fukushima

Der umgekehrte Blick des Mannes mit dem Finger

Eine Überwachungskamera der Firma Tepco auf dem Gelände des AKW Fukushima I filmte am 28.8. einen Arbeiter in Schutzkleidung, der sich der Kamera näherte, die Hand ausstreckte und für mehr als 10 Minuten reglos auf die Kamera zeigte. Anschließend verschwand er wieder. Die Aufnahme wurde auf Youtube hochgeladen. Seither wird über die Identität und die Absicht des „Mannes mit dem Finger“ gerätselt. Tepco gab am 30.8. selbst bekannt, es sei nicht möglich, unter den vielen Arbeitern herauszufinden, um wen es sich handelte, und dementierte auch jede Absicht, dies zu tun.
Nun ist eine Website (japanisch und englisch) aufgetaucht, auf der ein anonym bleibender, offenbar junger Mann aus Tokyo behauptet, er habe am 28. August, seinem freien Tag, als Angestellter eines Subunternehmens sich im AKW-Gelände aufgehalten und auf die Kamera gezeigt. Er habe keine Absicht gehabt, Tepco oder dem Subunternehmen zu schaden. Er wollte mit der Aktion auf die schlechten Arbeitsbedingungen hinweisen. Darunter nennt er:

  • Mangel an Schlaf (weil im selben Raum die Arbeiter mehrerer Schichten schlafen müssen)
  • Überarbeitung (viele Arbeiter haben noch andere Nebenjobs)

Diese Bedingungen müßten „als Teilprobleme des gesamten Beschäftigungssystems umfassend gelöst“ werden.
Die Geste des Fingerzeigens erklärt er mit einem Verweis auf Vito Acconcis „Centers“, wo „der Künstler … sich so in einen Dialog mit dem Betrachter [bringt], wobei dieser dadurch selbst zum Betrachteten wird“, wie Erhard Metz schreibt. Sie sei ein Ausdruck „des unauflöslichen Verhältnisses von Sehen und Diskriminierung, Diskriminierung und AKW“ (観ることと差別、差別と原発が切り離せない関係).
Ergänzend listet der Mann seine Aktivitäten und Meßdaten im AKW Fukushima I anonymisiert auf und zeigt Fotos, die er dort aufgenommen hat.
Der Mann gibt an, das Subunternehmen inzwischen verlassen zu haben. Er hege keine schlechten Absichten gegen Tepco oder seinen alten Arbeitnehmer.

Mag sein, daß das Rätsel damit gelöst ist. Wenn die Website wirklich von dem Richtigen stammt, ist aber auch klar, daß hier ein Mensch gehandelt hat, der ziemlich intellektuell ist (Vito Acconci!), ein internationales Publikum sucht (englische Website in recht guter Qualität) — und überhaupt nicht zu dem Klischee des obdachlosen, minderjährigen Wanderarbeiters paßt, den wir gern in dem typischen Fukushima-Lohnknecht sehen.

Zweifel bleiben. Aber seine wahre Identität will der Mann erst angeben, wenn Tepco und die Regierung ihm Straffreiheit versprechen. Die Website ist von der „Samurai Factory“ in Tokyo-Shibuya registriert. Das ist ein etwas durchgeknallter Webservice-Anbieter. Der Server steht in Tokyo. Alles andere bleibt vorerst ein Geheimnis.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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