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Cäsiumkiller Giese-Salz: Japan ignoriert eine Chance

Ammoniumeisenhexacyanoferrat (AEHCF) ist der wissenschaftliche Name für eine Substanz, die der deutsche Tierarzt Werner Giese in den 1970er erfand und die daher als Giese-Salz bezeichnet wird. Es handelt sich um ein hochwirksames Mittel zur Dekorporation des radioaktiven Cäsium 137 — zu deutsch: um einen Futterzusatz, mit dessen Hilfe Zuchtvieh wie Kühe oder Schafe, aber auch Wildschweine weitgehend entgiftet werden können. Ohne Nebenwirkungen. Am lebendigen Leibe, wohlgemerkt.
Nachweise der positiven Wirkung gibt es in Hülle und Fülle, z.B. eine Patentanmeldung, einen Bericht in der Süddeutschen Zeitung … und natürlich wissenschaftliche Aufsätze. Leider sind sie in Japan so gut wie unbekannt. Obwohl das Giese-Salz in Deutschland nach dem Tschernobyl-Unfall eine wichtige Rolle dabei spielte, die deutsche Viehzucht vor dem Kollaps zu bewahren, und obwohl Schreckensmeldungen über verseuchtes Mastvieh die japanische Öffentlichkeit verunsichern, ignorieren sowohl das japanische Landwirtschaftsministerium als auch die Öffentlichkeit, welches Potential in AEHCF steckt.
Die Gründe dafür, so recherchierte ein japanischer Landwirtschaftsjournalist jetzt, sind schlicht bürokratisch. Weder Giese-Salz noch andere Dekontaminationsmittel wurden bisher vom Landwirtschaftsministerium zugelassen. Man nimmt im Ministerium einfach an, daß die Belastung durch Cäsium 137 wegen dessen biologischer Abbaugeschwindigkeit (Halbwertszeit im Körper ca. 60 Tage) schneller verschwindet, als ein solches Mittel zugelassen werden könnte. Zweitens gebe es schon längst den Plan, daß der Staat die eventuell belasteten Tiere aufkauft, so daß der Schaden nicht bei den Bauern hängenbleibt. Und drittens wüßte man nicht, wie man den radioaktiv belasteten Mist entsorgen sollte.
Das Ministerium setzt also — wie so oft im japanischen Amtsdenken — auf das Prinzip Hoffnung statt aktiver Verbraucherschutz. Auch ein Standpunkt. Allerdings nicht gerade einer, der dabei hilft, die vom selben Ministerium so gefürchtete „Rufschädigung“ der japanischen Landwirtschaft zu verhindern.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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