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Nur ein Mordfall?

Japans Medien sind voller Empörung und Trauer über ein besonders erschütterndes Verbrechen. Eine 23-jährige alleinerziehende Mutter (Heirat 2007, Scheidung 2009) hat ihre 3-jährige Tochter und ihren 1-jährigen Sohn in ihrer völlig verwahrlosten, aber sorgsam verschlossenen Wohnung in Ōsaka mit ein paar Flaschen Saft und vier Reisklößen zurückgelassen — für zwei Monate. Während sie fröhlich die Fußball-WM mit ihren Arbeitskollegen feierte, verschmachteten die beiden Kleinkinder. Ende Juli brachen Feuerwehr und Polizei die Wohnung endlich auf und fanden die mumifizierten Leichen der Kinder. Die Mutter gibt an, sie habe aus dem Druck ihrer Mutterrolle ausbrechen wollen.
Man wagt kaum, solche Ereignisse zu kommentieren. Auch aus Deutschland kennen wir leider solche Fälle. Welche Logik der sozialen Anomie dahinter steckt, bleibt zu untersuchen. Verstehen wird man es dann wohl schon können. Aber daran glauben, daß so etwas geschehen muß, ganz sicher nicht.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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